Die Welt seit dem Ende des Kalten Krieges

Nach dem Ende des Kalten Krieges trat generell die auch bereits vor 1991 vorhandene Multipolarität in der Weltpolitik deutlicher hervor. Regionale Gruppierungen und Zusammenschlüsse, u. a. NATO, EG/EU, KSZE/OSZE, ASEAN, aber auch Regionen übergreifende Organisationen (UNO, Sonder- bzw. Hilfsorganisationen) gewannen als Strukturelemente der internationalen Beziehungen an Bedeutung, ohne die Nationalstaaten als Akteure der Außenpolitik abzulösen.

Die Welt seit dem Ende des Kalten Krieges
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USA verbleiben als Weltmacht

Die USA waren die einzige verbleibende Supermacht, die sich weltweit engagierte. Ihre politische Zielrichtung war, nach dem Untergang des Kommunismus, eine Weltordnung zu etablieren, die einerseits den Sieg der westlichen Demokratie über die sowjetische Diktatur widerspiegelte, andererseits die Lehren aus dem globalen Konflikt ziehen wollte. Daraus ergab sich aus amerikanischer Sicht nicht nur die Fortsetzung des Kampfes gegen undemokratische Regime – die Rogue States –, verbunden mit einer tiefen Skepsis gegenüber der UNO, sondern v. a. die Beibehaltung der als erfolgreich verstandenen Strategien des Kalten Kriegs für zukünftige »Lange Kriege«. Diesen Begriff führte das Pentagon 2006 offiziell ein.

Osteuropa wird Teil von EU und NATO

Eine weitere Folge der Beendigung des Kalten Krieges war die politische Neuordnung seiner traditionellen Zentren. Die in Ostmitteleuropa und auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion entstandene Fülle neuer Nationalstaaten erklärte sich entsprechend ihrer historischen Bindungen neuen Ordnungen zugehörig. Am einfachsten war dies für die ehemaligen ostmitteleuropäischen Satellitenstaaten, die sich traditionell Westeuropa verbunden fühlten. Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, die baltischen Staaten, schließlich auch Teile Jugoslawiens zielten unmittelbar nach Ende des Kalten Krieges auf die Aufnahme in die Europäischen Gemeinschaften, die seit 1993 Europäische Union (EU) heißen. Nach der Aufnahme der bisher neutralen Staaten Österreich, Finnland und Schweden 1995 folgten 2004 Ungarn, Polen, Tschechien, Estland, Slowenien, Lettland, Litauen, die Slowakei sowie Zypern und Malta, 2007 Rumänien und Bulgarien. Darüber hinaus wurden die nun überholten Blockstrukturen militärisch neu organisiert, und man versuchte, die Nuklearwaffen der ehemaligen Sowjetunion unter Kontrolle zu halten. Gegen den ausdrücklichen Einspruch Moskaus wurden 1999 Ungarn, Polen und Tschechien in die NATO aufgenommen. Unmittelbar damit zusammen hing die Neuorientierung der westlichen Sicherheitspolitik. Sie mündete nun u. a. in das »Neue Strategische Konzept«, das nicht nur die militärischen Aktivitäten der NATO neu definierte, sondern auch die Beziehungen zu den Staaten des ehemaligen Ostblocks.

China gewinnt an Einfluss

Als weiteres zentrales Ergebnis der Beendigung des Kalten Kriegs zeigte sich eine neue, teilweise selbstständigere Stellung seiner ehemaligen »Peripherie «. Unübersehbar ist hier v. a. der weiter ausgebaute Einfluss Chinas, aber auch der des politischen Islam. Die enorme politische Bedeutung der Länder an der Peripherie hat sich während des Konflikts z. B. in der Vergabe von Entwicklungs- und Militärhilfe, aber auch in den »Kleinen Kriegen« gezeigt. Entsprechend deutlich ist mit dem Ende des Kalten Krieges 1991 das Interesse für den Nord-Süd-Konflikt und damit auch die finanzielle Unterstützung zurückgegangen. Die 1990er-Jahre, als die erste Nachkriegsdekade des Kalten Krieges, waren deswegen auch das Jahrzehnt einer verheerenden globalen Armutskrise.

Radikaler Islamismus

Bereits die schlichte Betrachtung der Situation macht deutlich, dass dieses durch das Ende des Kalten Krieges hinterlassene Vakuum zwangsläufig Reaktionen auslösen musste. Weltweit gesehen zeigen sich hier v. a. zwei Trends: Am besorgniserregendsten aus Sicht der ehemaligen Hauptzentren des Kalten Krieges ist das massive Anwachsen des radikalen Islamismus in der Dritten Welt. Bereits in den letzten Jahren vor 1991 zeigte sich, dass der von den USA in diesem Teil der Welt zunächst als antikommunistische Kraft geförderte islamistische Fundamentalismus sich nun zunehmend als Kämpfer für die Interessen der Dritten Welt zu etablieren suchte. Es war daher kein Zufall, dass mit dem Ende des antisowjetischen Dschihad in Afghanistan auch eine Art islamische Entwicklungshilfe einsetzte. Neben islamischen Staaten tauchten nun auch zahlreiche private islamische Organisationen als Geber auf, u. a. das 1988 entstandene Terrornetzwerk al-Qaida.

China wird zur Weltmacht

Der zweite Trend an der ehemaligen Peripherie des Kalten Krieges zeigte sich in China. Das Land war bis 1991 eine nuklear bewaffnete Großmacht des Kalten Krieges im Schatten der beiden Supermächte geblieben. Nach 1991 gelang es China im Verlauf weniger Jahre, sich als Wirtschaftspartner für westliche Industrienationen zu empfehlen. Darüber hinaus etablierte sich das nach wie vor kommunistisch regierte Land als Vormacht in Ostasien. Ähnlich wie die USA in Mittel- und Südamerika konnten die Machthaber in Peking wirtschaftliche Einflusszonen im Süden und im Norden Ostasiens aufbauen, was während des Kalten Krieges undenkbar gewesen wäre. In die südliche Einflusszone wurden u. a. Thailand, Laos, Kambodscha, Malaysia und Indonesien einbezogen. Ironischerweise gelang es damit, auch die antikommunistischen Frontstaaten, die zunächst in der SEATO, dann in der ASEAN versammelt waren, als Wirtschaftspartner zu gewinnen. Hier zeigte sich eine der bemerkenswertesten politisch-wirtschaftlichen Konversionen in den ehemaligen Strukturen des Kalten Krieges. Zudem wurde ab 1991 auch das wirkliche Ausmaß einer möglichen globalen Konkurrenz deutlich, als sich das von den politischen Restriktionen des Kalten Krieges weitgehend befreite und marktwirtschaftlich geöffnete China weltweit zu engagieren begann.

Rolle des Dollars in der Welt

Die Rolle des US-Dollars für die Weltwirtschaft wurde nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Welt noch zementiert. Sie ging zurück auf die Gründung des Internationalen Währungsfonds IWF und die Konferenz von Bretton Woods, als die Teilnehmer noch während des Zweiten Weltkriegs 1944 diese Rolle der US-amerikanischen Währung für die Nachkriegszeit festlegten. Die Teilnehmerstaaten am Weltwährungssystem bekamen das Recht, bei starken Dollarschwankungen zu intervenieren. Nachdem die Schuldnerländer in den 1950er-Jahren zunächst mit einem Dollarmangel zu kämpfen hatten, änderte sich das mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in Westeuropa und Japan. Das US-Zahlungsbilanzdefizit erhöhte sich so sehr, dass bereits 1961 die USA, die Bundesrepublik Deutschland, Italien, Frankreich (1967 ausgeschieden), die Niederlande, Großbritannien und die Schweiz ein Goldpool bildeten, um den Dollar auf dem Londoner Goldmarkt zu stützen (1968 aufgelöst). Der massive Dollarverfall, der im letzten Drittel der 1960er-Jahre einsetzte, resultierte u. a. aus den hohen Ausgaben für den Vietnamkrieg, dem Anstieg der Erdölpreise, aber auch aus internationalen Währungsspekulationen.

Einführung des Euro

Am 15. August 1971 wurde die freie Konvertibilität des US-Dollars in Gold aufgegeben. Seit März 1973 durften die Wechselkurse der großen Industrieländer frei schwanken (Floating), was am 19. April 1995 zum bis dahin tiefsten Stand des Dollars führte (1 Dollar = 1,36 DM). Seit der Einführung des EURO als gemeinsame europäische Währung sind Schwankungen der Währungen der teilnehmenden EU-Staaten untereinander ausgeschlossen, die Festlegung des Wertes der europäischen Währung gegenüber den US-Dollar betrifft nun die gesamte EURO-Zone. Seit Herbst 2007 ist der US-Dollar – ebenso wie das Britische Pfund – gegenüber dem EURO stark unter Druck geraten (Mitte April 2008: 1 Dollar = 0,63 EURO). Dennoch bleibt der Dollar bislang Leitwährung, was sich nicht zuletzt im Außenhandel zeigt, wo er nach wie vor die wichtigste Fakturierungswährung ist (Dollarklausel).

Globalisierung

Seit den 1990er-Jahren rückte der Begriff der Globalisierung ins öffentliche Bewusstsein, der Tendenzen der internationalen Verflechtung sowie die Liberalisierung der Weltmärkte und die damit verknüpfte Vereinheitlichung von Produkten, Märkten und Preisen beschreibt. Dieser Prozess bot Schwellenländern die Chance, mit billiger produzierten Produkten Anschluss an den Weltmarkt zu finden, während er für die Entwicklungsländer, die nicht über soziale Sicherungssysteme verfügten, in der Regel eine Verschlechterung aller Lebensbedingungen bewirkte.

Die »Bush-Doktrin«

Die Politik des US-Präsidenten George W. Bush zielte auf die Schaffung einer internationalen Struktur, in der die amerikanischen Normen universell gelten sollten und in der die USA das Recht besaßen, diese mit ihrer militärischen Übermacht auch im Alleingang durchzusetzen.

Die Klima-Politik

Zu einem immer wichtigeren Thema in den internationalen Beziehungen wurde seit dem Tschernobyl-Schock von 1986 die Frage der zukünftigen Energieversorgung und die damit verbundenen Umweltfolgen, insbesondere vor dem Hintergrund von Klimaerwärmung und Treibhauseffekt.

Kulturelle Globalisierung

In kultureller Perspektive erzwang der Prozess der Globalisierung v. a. eine weltweite Vereinheitlichung von Konsumkulturen und Medienformaten, von Seh- und Hörkulturen sowie die endgültige Einigung auf Englisch als internationale Verkehrssprache. Dieser Prozess hat in der westlichen Welt bereits nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen und war hier bis zum Ende des Kalten Kriegs auch bereits weitgehend abgeschlossen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hat er dann auf die ehemals »Zweite« und »Dritte Welt« übergegriffen.

Globalisierung der Krisen

Wie anfällig die postkommunistische, globalisierte Weltwirtschaft gegen immanente Systemfehler ist, zeigte sich ab Ende 2008 in der durch die US-amerikanische Immobilienkrise verursachte Finanzkrise, die weltweit die Finanzmärkte zum Absturz brachte und sich bis Mitte 2009 zur tiefsten Weltwirtschaftskrise der letzten 80 Jahre auswuchs. Ganze Volkswirtschaften gerieten in die Gefahr eines Staatsbankrotts.

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