Liebe Leserin, lieber Leser!

Als am 15. April 2019 in Paris die Kathedrale in Flammen stand, war mehr als nur ein touristisches Highlight gefährdet. „Wenn aber die Himmelssehnsucht je einen Ort hatte, dann war es Notre-Dame in Paris“, schrieb etwa die ZEIT. Das Lastende und das Himmelstürmende, das Abenteuer des Glaubens, wurde, im Augenblick der Gefährdung, plötzlich in diesem Sakralbau verortet.

Santiago de Compostela, Jerusalem, Mekka, Rom: Die Namen solcher Orte lösen immer noch besondere Resonanz aus. Und große Klöster und heilige Berge, die Wallfahrtsorte der Weltreligionen haben über Jahrhunderte die Menschen, früher meist entbehrungsreich und abenteuerlich, als Pilger auf den Weg gebracht: in der Hoffnung auf Erfüllung, Sinn, Zugehörigkeit, Trost, Heilung. Und im Glauben, dass ihre Probleme eine Lösung, ihre großen Lebensfragen eine Antwort finden. Auf dem Weg. Und vor Ort.

Aber nicht jeder, der heute einen der großen Pilgerwege geht, würde sich selbst als fromm im traditionellen Sinn bezeichnen. Was ist das Ziel dieser Menschen, die sich da auf den Weg machen? Nicht die Abwechslung vom Alltag. Nicht das Versprechen innerer Beruhigung oder Bewusstseinserweiterung. Spirituelle Sehnsuchtsorte verheißen andere Erfahrungen. Hoffnungen besonderer Art.

„Was ist ein spiritueller Sehnsuchtsort für dich?“, fragte ich Bekannte. Einer hatte einen ganz nüchternen Meditationsraum vor Augen und ein Sitzkissen darin, auf dem er zu tiefer Ruhe kommt. Eine andere den Seerosenteich im eigenen Garten. Wieder andere erinnerten sich an den Kreuzgang eines Klosters in der Provence und eine gerade in ihrer Einfachheit vollkommene romanische Dorfkirche in Burgund. Oder den hellen Kirchenraum einer Barockbasilika, die einen mit ihren leuchtenden Farben ganz erfüllt und entrückt. Eindrücklich für viele auch das Gemeinschaftsgefühl und die Liturgie in Taizé.

Kann auch ein so idyllischer Platz an einem See, wie auf dem Umschlag, ein spiritueller Ort sein? Sicher! Wenn er das Gefühl von Angekommensein auslöst und eine Schönheit ausstrahlt, die einverstanden sein lässt mit dem, was ist. Die uns in innere Ruhe bringt und doch auch über sie hinausweist.

Es gibt natürlich auch weniger beschauliche Orte in der Natur, die die Seele leer und frei machen – Blankoseiten für Neuwerdung: Wüste, Meer oder Berge. Orte, die uns konfrontieren mit Größe – und unserer Begrenztheit.

Es gibt zudem Orte, auch Landschaften, voller eingeschriebener Erinnerung, gesättigt mit der Erfahrung früherer Generationen. Für viele Christen ist das etwa das Heilige Land mit den Stätten, an denen Jesus lebte. Oder große Wallfahrtsorte, die an Wunder, an Heilige erinnern. Hier ist in der Vergangenheit real passiert, woran ich anknüpfen kann, etwas, was ich erhoffe für meine eigene Geschichte heute. Wer einen solchen Ort aufsucht, sucht Vergegenwärtigung des Heiligen. Er will durch ein Tor, die Zeit zu über- winden. Aber ewig dableiben kann man da nicht.

Sehnsucht ist nie Stillstand, sie meint Bewegung. Und sie hört nie auf. „Wie der Nachtfalter die brennende Kerze umkreist“ – so ein Bild der Mystik – so können wir das Heilige nie ganz erreichen, sondern immer nur in Annäherung. In allen Religionen gibt es das, im Christentum ebenso wie im Buddhismus oder Islam: In Altötting etwa umrundet die Lichterprozession die Gnadenkapelle. In Tibet wird der heilige Berg Kailash umkreist, ebenso wie die Kaaba von den Gläubigen in Mekka. Eine eigenartige Erfahrung: Es gibt eine letzte Bruchstelle zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit. Kein Ort fasst die ganze Sehn- sucht. Sehnsucht ist weiter.

Elie Wiesel, der große jüdische Autor, wurde einmal gefragt, was sein Sehnsuchtsort sei. Seine Antwort: „Jerusalem – wenn ich nicht da bin.“ Und Karl Rahner erklärte die Heilig-Land-Wallfahrt seines Ordensgründers Ignatius von Loyola als „Sehnsucht nach Jesus, dem konkreten, der keine abstrakte Idee ist“. Rahners Mitbrüdern ist es freilich nie gelungen, ihn selber zu einer Reise ins Heilige Land zu bewegen. Er war nie da.

Spirituelle Sehnsuchtsorte müssen nicht unbedingt einen religiösen Namen tragen. Und sie können auch mitten in der Großstadt liegen. Auf die Suchrichtung kommt es an. Darauf, dass der Kompass unseres Herzens in eine be- stimmte Richtung zeigt.

Warum brauchen wir solche Orte, solche Erfahrungen? Sie justieren uns. Tun uns gut. Anselm Grün sagt: Sie tun uns auch deswegen gut, weil sie sich auf die tiefsten und echtesten Wünsche beziehen: „Auf diesem Weg kann ich weitergehen. Er führt ins Freie.“

Davon, dass die Sehnsucht, das Unterwegssein, nicht aufhört, erzählt schon der erste Text.

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