Heimatgeschichten Editorial 5/2019

Heimat ist nichts Selbstverständliches mehr. Mehr als 65 Millionen Menschen sind heute weltweit auf der Flucht. Und auch hierzu- lande ist viel im Umbruch: Da ist die Beschleunigung aller Verhältnisse, die erzwungene Mobilität und der ständige Wandel. Noch die Tatsache, dass es inzwischen in Berlin ein Heimatministerium gibt, zeigt: Was festgefügt schien, gerät aus den Fugen. Wohin wird die Reise gehen?

Vielleicht ist das mit der Heimat so wie mit dem Kochen. Die Attraktivität von TV-Kochsendungen steigt in dem Maß wie die Fähigkeit des Kochens abnimmt und die gemeinsamen Mahlzeiten in den Familien immer mehr verschwinden. Auch wenn viele das Wort im Mund führen – Schlagersänger, Folklorefreunde und Tourismusmanager, sehr gern auch Politiker – Heimat ist nichts Selbstverständliches mehr.

Mehr als 65 Millionen Menschen sind heute weltweit auf der Flucht. Und auch hierzu- lande ist viel im Umbruch: Da ist die Beschleunigung aller Verhältnisse, die erzwungene Mobilität und der ständige Wandel. Noch die Tatsache, dass es inzwischen in Berlin ein Heimatministerium gibt, zeigt: Was festgefügt schien, gerät aus den Fugen. Wohin wird die Reise gehen?

Heimat ist etwas Festes, Stabiles, ein Ort. Zunächst ganz konkret: Im Schwäbischen wird das Wort ganz eng verstanden. „Hoimat“ bezeichnet heute noch den elterlichen Bauernhof: Ort der Existenzsicherung. Und „Heimatrecht“ bedeutet, auch in Österreich und der Schweiz, ursprünglich Gewährung der Garantie des Aufenthalts einer Person in Verbindung mit sozialen Zusagen: Zugehörigkeit als Sicherheit.

Ob jemand Alteingesessener ist, Zugezogener oder Auswanderer: Mit Heimat verbinden sich ganz unterschiedliche Bilder. Ob jemand mit dem Blick auf das Karwendelgebirge groß geworden ist oder die undramatischen Kartoffelfelder des platten Donaumooses als Heimatgrund hatte. Ob der Blick auf die Ostsee ging oder über Schwarzwaldhöhen, auf eine Fluss- oder eine Heidelandschaft, ob man im Kiez einer Großstadt aufgewachsen ist, wo man jede Straßenecke kennt, oder in der Kleinstadt: Heimat ist immer etwas Äußeres, aber auch etwas, was man verinnerlicht und mit sich herumträgt, wohin man auch geht. Im Kopf und im Herzen. Ganz tief.

Heimat meint Beziehung, in der Wohlwollen und Akzeptanz gelten. Familie ist ihr „Urort“: Geborgenheit, Vertrautheit des Alltags, Zusammenhalt, Stabilität. Der Ort, wo man sich nicht erst lange erklären und beweisen muss. Wo man sich verstanden fühlt. Ein Ort sinnlichen Reichtums auch: verbunden mit dem Klang einer Sprache, erfüllt von Farben, Gerüchen, voll von Erinnerungen, dichten Erfahrungen.

Heimat ist mit dem Gefühl verbunden: Da gehöre ich hin. „Dahoam is dahoam. Da komm ich her, da will ich hin“ – das ist eine der beliebtesten regionalen TV-Sendungen. Sie bricht damit die Urfrage nach dem Woher und dem Wohin unseres bewegten Lebens auf ein unterhaltsames Format herunter: Heimat – die Antwort auf die Sinnfrage?

„Dahoam is net dahoam“, hält der bayerische Kabarettist und Musiker Georg Ringsgwandl dagegen. Er erzählt von einer traumatisierten Kindheit in einer schwierigen sozialen Umgebung, mit einem jähzornig prügelnden Vater, von der Postkartenidylle der Reichenhaller Berglandschaft, die er als beklemmende Enge erlebte. Er wollte nur noch weit weg, studierte in Kiel, am anderen Ende Deutschlands, ging nach Amerika, ans andere Ende der Welt. Aber je weiter weg er war, desto schöner wurde die Erinnerung. Heimweh zog ihn zurück, und er erlebte das warme Ge- fühl, genau dahin zu gehören, zu dieser Landschaft, zu dieser Sprache und diesen Menschen. Das Negative über- sah er nicht, sondern ging produktiv damit um. Daraus entstand dann seine wunderbare Musik. Heimatmusik der neuen Art.

Geschichten wie die seine gibt es viele. Sie erzählen von Beharrung und Sehnsucht, von Wurzeln und dem Drang zu wachsen, von Zugehörigkeit und Reibung, von Auszug und Heimkehr, von Abstoßung und Versöhnung.

Heimat wandelt sich, wie die Welt. In Zeiten des Internets finden viele ihre Vertrautheit in virtuellen communities. Aber auch dies: Man sucht Sicherheit bei Gleichgesinnten und bestätigt in der sozialen Blase doch nur sich selber. Das Internet kennt mich, es personalisiert sogar die Werbung. Aber kennt es mich wirklich?

Wir brauchen Wurzeln, festen Boden, eine Bleibe. Aber auch „Luftwurzeln“, Bereitschaft für andere Möglichkeiten, umfassende Hoffnungen. „O Land, wo bist du?“ heißt es im „Wandererlied“ Franz Schuberts: „Land, wo meine Freunde wandelnd gehn, wo meine Toten auferstehn.“

Selbstverständlich war Heimat nie. Das Wort beschreibt was war und auch was sein könnte. Heimat und Sehn- sucht sind Geschwister, seit jeher. „Wohin gehen wir? Immer nach Hause.“ Novalis hat das gesagt. „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“, heißt es in der Bibel. Diese Suche nicht nur nach einem besseren, sondern nach dem schlechthin guten Zustand ist die spirituelle Dimension von Heimat. Sie zielt auf ein Jenseits der äußeren Gegebenheiten. Heimat ist also nicht nur etwas Äußeres, sondern auch etwas Inneres. Und eine Lebensaufgabe: Bei sich zuhause – und auch anderen Heimat sein.

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