Liebe Leserin, lieber Leser!

Im Februar durfte ich zwei Wochen lang in Taiwan Vorträge halten. Nach jedem Vortrag gab es ein Ritual und dann viele Fragen, die chinesische Christen, Katholiken und Protestanten, aber auch buddhistische Zuhörer schriftlich stellten. Ich spürte: So unterschiedlich die Kulturen sind, die Menschen machen doch die gleichen Erfahrungen mit ihrem Glauben, ihren Emotionen, ihren Träumen. Viele Fragen kreisen hier wie dort darum, wie das Leben gelingen kann. An einem Sonntag war auch der Vizepräsident des Staates im Gottesdienst. Ich war eingeladen, in dieser ökumenischen Feier über das schwierige Thema Vergangenheitsbewältigung zu sprechen. Denn 70 Jahre ist es her, dass der General und Staatsgründer Chiang Kai-shek ein Massaker an der Elite Taiwans verübte, das nie richtig verarbeitet wurde. Als Deutscher, der von diesem Thema persönlich betroffen ist, war es für mich wichtig, über das Betrauern des geschehenen Unrechts zu sprechen, darüber, dass die Täter nicht über ihre Opfer triumphieren dürfen, aber auch davon, dass die Opfer Abschied nehmen sollen von der Opferrolle, damit Versöhnung möglich wird.
Was für eine Gesellschaft gilt, das gilt auch für jeden einzelnen. Jeder von uns kennt in seiner Lebensgeschichte Erfahrungen von Unrecht. Unsere Aufgabe ist es, das Unrecht anzuschauen, es aber dann loszulassen. Ein wichtiger Weg dahin ist die Vergebung. Vergeben heißt nicht Vergessen, sondern Weggeben. Ich befreie mich von der Bindung an die Menschen, die mich verletzt haben. Auf diese Weise werde ich innerlich frei. So wünsche ich Ihnen, dass Sie sich aussöhnen mit Ihrer eigenen Lebensgeschichte und dass Sie aufrecht Ihren Weg des Glaubens gehen, einen Weg, der Sie in immer größere Lebendigkeit, Freiheit, Frieden und Liebe führen möge.

Ihr

Anselm Grün

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