Freizeit und Miteinander statt Hausaufgaben

Viele Schulen schaffen die Aufgaben für den Nachmittag ab. Der Hupfeldschule in Kassel gibt das Gelegenheit für ein neues Ganztagserlebnis.

Direkt nach dem Mittagessen ging es los: Hausaufgabenzeit in der Hupfeldschule Kassel. Zwischen 45 und 60 Minuten waren dafür je nach Altersgruppe eingeplant. Im Extremfall dauerte das bis 14.15 Uhr. Da blieb gerade noch eine Stunde für Entspannung oder die zahlreichen und beliebten Arbeitsgemeinschaften. „Wir standen ständig unter Stress“, erinnern sich Schulleiterin Ute Waffenschmidt und Ganztagskoordinatorin Sina Maria Vossler. Die Aufgaben plagten alle. Die Erzieherinnen und Erzieher, weil sie die Kinder bei der Erledigung begleiten sollten – völlig gleichgültig, ob sie fachlich die Voraussetzung dafür mitbrachten. Zugleich wussten sie sich kritisch beäugt vom Lehrerkollegium. Besonders aber litten die Schülerinnen und Schüler: Mit den Gedanken waren viele schon in der AG, wollten nach dem Essen nicht schon wieder lernen. Aber Freizeit und Freiheit hatten sie erst nach den Übungen. „Sie waren geradezu blockiert“, schildert Waffenschmidt.

Ein Team wächst zusammen

Das Kollegium entschied sich, neue Wege zu gehen. Zumal sich die Hupfeldschule dem hessischen Konzept des „Paktes für den Nachmittag“ anschloss. Der sieht unter anderem vor, dass beteiligte Schulen den Ganztag nicht mehr allein gestalten, sondern sich Kooperationspartner suchen müssen. Diese fand die Hupfeldschule unter anderem in zwei nahe gelegenen Horten, die zuvor Kinder am Nachmittag allein und ohne konzeptionelle Anbindung an die Schule betreut hatten. „Wir haben alle in ein Boot geholt, Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräfte zusammengebracht, die Eltern an vielen Abenden informiert und eingebunden“, berichtet die Schulleiterin. Daraus ist ein Team gewachsen, das die Räumlichkeiten aller Einrichtungen nutzt, das gemeinsam denkt und handelt. Sein Konzept: Hausaufgaben im herkömmlichen Sinne werden abgeschafft und als Lernzeiten in die Unterrichtsstunden eingebunden. Schule im Sinne von fachbezogenem Unterricht endet nunmehr seit zwei Jahren zwischen 11.20 Uhr und 13.10 Uhr. Für den Ganztag bedeutet das gut zwei Stunden mehr Zeit.

Blick auf die Kinder

So lange haben die Kinder nach dem Fachunterricht jetzt Gelegenheit, sich frei nach eigenem Wunsch und knurrendem Magen am warmen Mittagsbüfett zu laben. Schon hier beginnt ihre Entspannung. Mit am Tisch nehmen Erzieherinnen und Erzieher Platz, aber auch die Lehrkräfte. Ganztagskoordinatorin Vossler nennt die Effekte: „Die Kinder sind offener, sprechen über vieles – auch über Dinge, die sie jenseits der Schule beschäftigen.“ Fachkräfte, Kinder und Lehrkräfte haben mehr soziales Miteinander, Vertrautheit und Nähe gewonnen. „Wir spüren, dass die Kinder dankbar sind, dass sie uns in dieser Form haben“, freut sich Schulleiterin Waffenschmidt. An Hausaufgaben denkt zu dieser Zeit fast niemand mehr. „Im Ganztag können wir nun unseren Blick mit unserer Professionalität auf das Kind richten und müssen nicht mehr darüber nachdenken, wie wir ihm das Dividieren beibringen“, sagt Erzieherin Vossler. Sie weiß, dass sich Kinder, losgelöst vom Fachunterricht, anders verhalten. Sie entwickeln neue Stärken, lassen auch mal ihren Kummer raus. „Ganz ehrlich, diese Möglichkeit haben wir während der Schulzeit nicht. Außerdem schauen Lehrkräfte anders auf Kinder als Erzieherinnen und Erzieher oder Sozialarbeiter“, gesteht Direktorin Waffenschmidt. Sie ist froh, dass die Veränderung des Tagesrhythmus die Professionen zusammengeführt hat. Unter anderem auch dank einer Fortbildung an der Uni Gießen. In deren Zentrum stand die multiprofessionelle Teamentwicklung.

Freiwilliges Lernen

Der Nutzen für die Kinder ist greifbar. Sie finden den wissenschaftlich als wichtig belegten Rhythmus von An- und Entspannung. Sie müssen nicht mehr gehetzt auf die Uhr blicken und sich gestresst fragen, ob sie es noch rechtzeitig zur AG schaffen, ob sie vielleicht doch einmal kurz verschnaufen und gar nichts tun können. Jetzt haben sie Zeit und Freizeit. Manche vertrauten ihrer Fachkraft an, dass sie aber auch in dieser schönen Phase noch etwas lernen wollen. Gemeinsam konzipierten Fach- und Lehrkräfte daraufhin ein Lernzimmer. Dorthin können sich Wissbegierige seit diesem Sommer am Nachmittag zurückziehen – ohne gesagt zu bekommen: „Du musst lernen.“ Sie dürfen einfach.

Hupfeldschule Kassel

Schülerinnen und Schüler: 210

Teilnehmende am Ganztag: 190

Fachkräfte im Ganztag: vier Erzieherinnen und Erzieher sowie pädagogisch tätiges Personal in den kooperierenden Horten

Arbeitsgemeinschaften und Kurse: Musikensemble, Theater, Tanz, Geometrie, Schach, Handarbeiten, Fußball, Handball, Turnen, Schülerzeitung, Koreanisch u. a.

https://hupfeldschule.jimdo.com/  

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