Fachkräfte nehmt Euch zurück!Gruppenarbeit im Ganztag:

Gruppenarbeit gelingt am besten, wenn Kinder sich selbstständig zu Gemeinschaften finden können, sagt die Pädagogin Manja Plehn.

klasseKinder!: Was macht eine gute Kindergruppe in der Schulkindbetreuung aus?
Manja Plehn: Aus meiner Sicht geht es im Wesentlichen darum, dass sich alle Kinder wohlfühlen. Und dass sie in der Gruppe ihren Interessen nachgehen, Bedürfnisse erfüllen, etwas ausprobieren und dadurch Fähigkeiten und Wissen erwerben können. Für Kinder ist es wichtig, diese Erfahrungen mit anderen Kindern zu sammeln. Für die Erwachsenen mögen weitere Kriterien wichtig sein: vielleicht, dass es wenig Konflikte gibt, dass es leise genug ist oder dass die Kinder aus Sicht der Erwachsenen etwas Sinnvolles machen. Für mich ist die Kinderperspektive zentral.

Wie finden sich Kindergruppen?
Für mich ist eine Gruppe eine Sozialform, in der sich mehrere Kinder aus verschiedenen Motivlagen heraus zusammenfinden. Das kann spontan sein: Man begegnet sich einfach im Vorbeigehen, ein Kind hat gerade ein Springseil in der Hand. Dann kommen ein, zwei Kinder dazu und merken: Da habe ich auch Lust drauf. Schon bleiben sie zusammen – so entsteht eine Kindergruppe. Wenn Kinder sich das Thema aussuchen dürfen, was sie interessiert, und diesem Thema selbstständig folgen dürfen, dann gesellt sich meistens jemand dazu. Insofern ist es kaum erforderlich, dass Fachkräfte in der Betreuung Kindergruppen künstlich erzeugen müssen.

Was sind stattdessen die Aufgaben der Erwachsenen?
Pädagogisch sinnvoll ist es, wenn Fachkräfte den Kindern die Freiheit lassen, sich selbstständig zu Gemeinschaften zusammenzufinden. Sie unterstützen, dass Kinder sich selbst reflektieren und wahrnehmen: Was möchte ich? Will ich das allein oder in der Gruppe tun? Fachkräfte sollten den Überblick über ihre Kinder haben und wissen, wer ähnliche Interessen hat, und gegebenenfalls anbieten, Kinder in eine Gruppe zu vermitteln.

Für eine gute Atmosphäre in der Gruppe sind die Fachkräfte aber schon verantwortlich, oder?
Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehört, für einen verlässlichen sozialen Rahmen der Betreuung zu sorgen. Indem sie erstens Vorbild sind, wie Menschen miteinander umgehen: freundlich und friedlich sein und niemanden ausgrenzen. Die Fachkräfte sollten im „Herzen“ gekränkte Kinder beim Verbalisieren ihrer Verletzungen unterstützen. Dahinter liegt oft eine Beschämung, also eine Verletzung der Würde eines Kindes. Das schaffen Mädchen und Jungen in diesem Alter oft nicht allein. Deshalb können Erwachsene fragen: „Was hat dich verletzt? Was brauchst du? Ich kann euch unterstützen, darüber zu reden.“

Wie können Fachkräfte unterstützen, dass Kinder den Umgang mit Konflikten lernen?
Zunächst müssen sie Streit auch zulassen. Im Grundschulalter wollen Kinder Konflikte auf der Ebene ihrer Peergroup lösen. Fachkräfte sollten sich zurückhalten und nicht ständig eingreifen, sondern erst mal darauf vertrauen, dass den Kindern selbst eine Idee kommt.

Behindert oder fördert eine feste Tagesstruktur des Betreuungsangebotes die Gruppenbildung?
Oft beginnt der Nachmittag ja mit dem Mittagessen. Zum Beispiel währenddessen können sich die ersten Gruppen für das folgende Spiel finden. Aber eine zu starre Tagesstruktur kann die Bildung von Kindergruppen auch behindern. Aus meiner Sicht braucht es kaum geschlossene AGs oder Angebote. Ich stelle mir das eher so vor, dass Erwachsene sich selbst anbieten und beispielsweise sagen: Ich mache jetzt ein Sportspiel – und wer Lust hat, kommt dazu.

Behindert die Hausaufgabenbetreuung Gruppenarbeit? Wenn Kinder diese in unterschiedlicher Zeit erledigen, finden sie möglicherweise dann nicht mehr zueinander.
Das kann sein. Andererseits können Kinder aber hier schon in Kleingruppen zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Allerdings ist zu beachten, ob Grundschulkinder andere wirklich beim Denken unterstützen können, also, dass sie nicht lediglich vorsagen. Das ist ja selbst für Erwachsene zuweilen schwierig.

Wie sollte der Führungsstil der Fachkräfte gegenüber den Kindern aussehen, damit eine gute Gruppenarbeit gelingt?
Warmherzig, zugewandt, freundlich und vertrauend. Kinder vertrauen eher Erwachsenen, wenn sie merken: Diese Person verurteilt nicht, vorverurteilt auch nicht. Auch die „Rabauken“, die regelmäßig in Konflikte verwickelt sind, sollten immer wieder eine Chance zur Bewährung bekommen.

Wie wirkt sich die zunehmende Diversität in den Einrichtungen auf die Kindergruppen aus?
Da sind die Fachkräfte besonders gefordert, die eigenen Werte vorzuleben und deutlich zu machen, was allen in der Einrichtung wichtig ist. Aber sie sollten auch die Kinder fragen: „Welchen Umgang mit dir wünschst du dir – und was möchtest du auf keinen Fall?“ Dabei sollte klar sein, dass Grenzen der Gewaltfreiheit – sowohl verbal als auch körperlich – nicht überschritten werden dürfen. Dann entsteht im Optimalfall eine Wertschätzung für andere Kulturen, Normen und Routinen.

Welche Rolle spielt für die Gruppe das Verhalten der Fachkräfte untereinander im Team?
Kinder im Grundschulalter haben feine Antennen für zwischenmenschliche Kommunikation – auch zwischen den Erwachsenen. Deshalb befinden sich Fachkräfte – ob sie es wollen oder nicht – permanent in einer Vorbildrolle. Wenn die Mädchen und Jungen sehen, dass Fachkräfte sich gegenseitig rüffeln, dann werden sie das auch untereinander tun. Sehen sie aber, dass die Erwachsenen bei Meinungsverschiedenheiten miteinander reden, können sie davon sehr viel lernen. Es kommt darauf an, dass Erwachsene selbst Konfliktlösungskompetenzen besitzen. Nur dann können sie auch ein gutes Vorbild sein.

Die Fragen stellte Sven Kästner  

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