Editorial

MARTYRIUM – es ist noch gar nicht lange her, da war dieser Begriff lediglich ein Thema der Alten Kirchengeschichte.
Dass sich das grundlegend geändert hat, ist ein unübersehbares »Zeichen der Zeit«. Mit den hier vorgelegten Beiträgen soll – im schärfsten Kontrast zum Verständnis von Selbstmordattentätern, die die Spirale der Gewalt ins Unendliche steigern – das Spezifikum des »christlichen Martyriums« dargestellt werden, damit dieses in der gegenwärtig äußerst kontrovers geführten Diskussion um die Bedeutung von ›Martyrium‹ nicht verlorengeht.
Thomas Brose, der für das Themenheft verantwortlich ist, erinnert daran, dass Märtyrer und Märtyrerinnen quer durch alle Konfessionen eine Ökumene besiegeln, die alles Trennende übersteigt. In diesem Sinn entfaltet Marion Gardei die Trias »Erinnern – Lernen – Handeln« und zeigt etwa am Beispiel Graf James von Moltkes, dass ein »evangelisches Gedenken« angesichts deutscher Diktaturerfahrungen einen beständigen Bedeutungszuwachs erfährt. Um den Begriff »Märtyrer« vor dem Kult des Stärkeren und vor Suizid-Mördern zu schützen, zieht Klaus Mertes einen klaren Trennungsstrich gegenüber allen militärischen Überhöhungen. Und Joachim Jauer unternimmt es, aus dem Heer meist namenloser Märtyrer und Märtyrerinnen des 20. Jahrhunderts einige Namen aufzurufen, um auf diese Weise an sie zu erinnern. Exemplarisch für eine Perspektive, die europäische Probleme übersteigt, meldet sich der koptisch-katholische Bischof Kyrillos William (Assiut / Ägypten) im Gespräch mit Philipp W. Hildmann zu Wort und erinnert an die Bedeutung christlicher Minderheiten im afrikanisch-arabischen Raum.
Unter der Rubrik Best Practice eröffnen auch in diesem Heft praxisnahe Berichte aus Halle (Magnus Koschig) und vom Vechtaer Preacherslam (Benedikt Feldhaus) neuartige Perspektiven auf ein traditionelles Thema. Joachim Schmiedl beschreibt, wie »Martyrium und Heiligkeit« zusammenhängen. Im Kontrast dazu schildert Ewald Dinter im Gespräch mit Hermann Josef Ingenlath, was Zeugnisgeben heute in der Begegnung mit indigenen Menschen bedeutet. Diese Sichtweise wird durch Ottmar Fuchs vertieft, der von einem wahren »Companheiro« der Bororo-Indios im Amazonasgebiet berichtet.
Wir hoffen, Ihnen originelle und zum Nachdenken anregende Impressionen zu einer vielleicht auf den ersten Blick nicht gerade diakonisch anmutenden Thematik anbieten zu können.

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