Editorial

Dieses Themenheft ist der äußerst kontrovers diskutierbaren Frage gewidmet, ob todkranken Menschen aus christlicher Sicht der (gesetzliche) Freiraum dafür zu eröffnen ist, ihr Leben (unter Mithilfe von Angehörigen, ÄrztInnen, Pflegenden, TherapeutInnen, SozialarbeiterInnen, SeelsorgerInnen …) selbstbestimmt beenden zu dürfen. Eine theologisch und ethisch brisante Fragestellung, mit der auch professionell und ehrenamtlich engagierte SeelsorgerInnen nicht nur im Rahmen spezialisierter Klinik-, Altenheim- und Hospizseelsorge, sondern auch im Kontext pastoraler Alltagserfahrungen in Pfarrgemeinden / Seelsorgeräumen immer häufiger konfrontiert sind. Eine Fragestellung, die angesichts der gegenwärtig feststellbaren gesellschaftlichen Ent-Tabuisierung von Sterben und Tod ‹ in den Fokus öffentlichen Interesses rückt und medienwirksam diskutiert wird. Christliche Kirchen, die glaubwürdig inmitten säkularer Welt präsent sein wollen, sind deshalb herausgefordert, sich der komplexen Thematik anzunehmen, weshalb sich auch eine ›Fachzeitschrift für die Praxis der Kirche‹ in die aktuelle Diskussion einzuschalten hat. Dabei gilt es, nicht nur den unterschiedlichen Gesetzeslagen, sondern auch unterschiedlichen konfessionell bedingten Sichtweisen nachzuspüren. Weil die Thematik Sterbehilfe gerade in deutschsprachigen Ländern nicht ohne Rück-Besinnung auf die grauenvollen »Euthanasie «-Verbrechen im Dritten Reich, die in nur wenigen Jahren über 80.000 wehrlosen Kindern und Erwachsenen das Leben kosteten, angegangen werden kann, werden die Beiträge unter dem Schwerpunktthema »Euthanasie« gebündelt. Trotz, vielleicht sogar wegen der »Euthanasie«, die fälschlicherweise als »Gnadentod« kranker / behinderter Menschen propagiert wurde, gilt es, heute konstruktiv-kritisch über die Möglichkeit selbstbestimmter Lebensbeendigung angesichts auswegloser Krankheit nachzudenken. Die Erinnerung an die NS-»Euthanasie« lehrt uns zudem, dass anscheinend auch ChristInnen nicht prinzipiell davor gefeit sind, menschenverachtendem Gedankengut aufzusitzen, Mit-Menschen in wert-voll und wert-los einzuteilen und letztere (politisch, medizinisch und auch theologisch legitimiert) effizient organisierten Ausmerzungs- und Vernichtungsmaßnahmen preiszugeben.

Die Beiträge laden dazu ein, sich nicht nur der Erinnerungs-Arbeit an die »Euthanasie-Verbrechen«, die vor genau 75 Jahren ihren Anfang nahmen, zu stellen, sondern auf dem Hintergrund historischer Erfahrungen im Blick auf hier und jetzt über die eigene Position zu (aktiver / passiver) Sterbehilfe und (pastoral) assistiertem Suizid nachzudenken.

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