Editorial

Wenn in gut 30 Tagen der 18. Deutsche Bundestag gewählt wird, dann wird das Thema ›Bildung‹ eines der Wahlthemen sein, doch nicht das entscheidende. Innere Sicherheit (NSA-Abhörskandal), Wirtschaft (Euro-Rettung) und Finanzen (Einkommenssteuererhöhungen) stehen momentan stärker im Fokus des öffentlichen Interesses. Und doch ist Bildung das Thema, das wie kein anderes in alle Lebensbereiche ausstrahlt. Schließlich hängen vom Bildungsstand im Land auch dessen wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und der Wohlstand des Einzelnen ab. Beruflicher Erfolg gründet in einer guten Ausbildung: eine Chance, die allen Menschen in gleicher Weise offenstehen sollte – und es noch lange nicht tut, wie der Beitrag von Alexis Fritz offenlegt. Auch Judith Könemann stellt für den Bereich des Lebenslangen Lernens eine Verengung des – gerade auch kirchlichen! – Bildungsangebots auf diejenigen Bevölkerungsgruppen fest, die sowieso schon rege daran partizipieren. Neben der Frage nach dem chancengleichen Zugang zu Bildung drängt sich spätestens seit dem vergleichsweise schlechten Abschneiden in internationalen Vergleichsstudien wie z. B. PISA die Frage auf, wie der Erfolg und damit die Qualität von Bildung überprüft werden kann. Als Antwort darauf hat sich das deutsche Bildungssystem Standards verordnet, welche die Vergleichbarkeit von Bildung gewährleisten sollen. Die Möglichkeiten und Grenzen solcher Vergleichstests thematisiert Helga Kohler-Spiegel in ihrem Beitrag. Dabei wird deutlich, dass es beim Bildungsprozess nicht darum gehen kann, möglichst schnell möglichst viel Wissensstoff zu vermitteln, sondern dass es das Ziel von Bildung sein sollte, beim Lernenden die Kompetenz zu entwickeln, sein Lernen selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten; ihm, wie Christian Fröhling im Anschluss an Meister Eckhart schreibt, den Freiraum zu geben, der erst »eine leidenschaftliche Suche« nach dem noch Ungewissen ermöglicht. Für Theologinnen und Theologen in diesem Zusammenhang interessant ist die Frage, welchen Beitrag die Theologie zur Entwicklung eines erfolgreichen Lernkonzepts leisten kann. Nach der Einschätzung von Birgit Hoyer könnte die Theologie sich mit ihren vielen verschiedenen Disziplinen als eine mögliche »Denk- und Handlungsgrundlage« zur Verfügung stellen, auf der im Dialog mit anderen Akteuren von Bildung neue, der postmodernen Wirklichkeit angemessene Weisen von »Bildung« vermittelt werden. Ein Ansatz, den weiterzuverfolgen fruchtbar sein könnte.

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