Editorial

»Prostitution?! – Damit habe ich nichts zu tun!« – Dies könnte die erste Reaktion sein, die der Anblick des Hefttitels auslöst. Vielleicht lässt er vor unserem inneren Auge auch Bilder von sündhaft rot erleuchteten Fenstern oder verbrecherischen Mädchenhändlern aus einer »Tatort«-Episode auftauchen. Prostituierte und das, was sie tun, vehement von sich zu weisen oder aber sie als bemitleidenswerte Opfer zu sehen, sind nur zwei der natürlichen menschlichen Mechanismen des Umgangs mit diesem Thema, für die uns der Leitartikel von Maria Katharina Moser die Augen öffnet. Dabei wäre es schlicht an der Realität vorbeigeschaut, wollte man die Prostitution als Teil unserer gesellschaftlichen Realität leugnen. Die Zahlen, die Arnd Bünker in seinem Beitrag präsentiert, machen deutlich, dass man bei schätzungsweise 400.000 Prostituierten und einer Million Freiern pro Tag in Deutschland kaum von einem Randphänomen sprechen kann. Dabei ist der Blick, mit dem man das sexuelle Geschehen bewertet, entscheidend dafür, was als »Prostitution« definiert wird, wie Ulrike Sals anhand biblischer Zeugnisse aufzeigt.
Prostitution als Arbeit zu verstehen, war vor 40 Jahren der große Durchbruch der Hurenbewegung in den U.S.A., deren Entwicklung und Erfolge bis heute Elisabeth von Dücker für uns nachvollzieht. Die O-Töne von Prostituierten, die ihren Beitrag abschließen, wie auch der Artikel von Markus Nolte, der aus einem Interview mit einer Prostituierten und ihrem Freier entstand, ermöglichen einen Einblick aus der Perspektive der Prostituierten und derjenigen, die zu ihnen kommen. Darin wird deutlich, dass die Prostitution bisweilen auch eine stark seelsorliche Komponente haben kann, wenn Menschen sich mit ihren Nöten und Fragen zur Sexualität an Prostituierte wenden. Obwohl auch die Kirche Ansprechpartnerin sein möchte, kann sie gerade beim Thema Sexualität nicht wirklich ein Beratungsangebot machen, da diese in der christlichen Religion bislang nicht integriert ist, wie der moraltheologische Beitrag von Stephan Goertz deutlich macht. Dabei ist gerade für kirchliche Hauptamtliche das Thema höchst aktuell. Nicht im körperlichen Sinne, so zeigt der Beitrag von Wunibald Müller, doch mental und geistlich passiert es Seelsorgerinnen und Seelsorgern immer wieder, dass sie sich im Für-den- Anderen-Dasein so verausgaben, dass sie sich selbst aufgeben, ja »prostituieren«.
Ich wünsche Ihnen eine interessante, fassettenreiche Lektüre dieses Heftes und mit DIAKONIA vielleicht einen ganz neuen Blick auf das Thema »Prostitution«!

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