Editorial

Wenn man einmal – zum Beispiel während der Weihnachtstage oder im Urlaub – in einer fremden Pfarrei zu Gast ist, bemerkt man schnell, ob dort eine gastfreundliche Atmosphäre herrscht: Blicke ich beim Eintritt in die Kirche in freundliche Gesichter, die bereitwillig zur Seite rutschen, um mir einen Platz frei zu machen, oder werde ich argwöhnisch gemustert nach dem Motto »was will die denn hier?«. Ganz sicher gäbe es hier auch zahlreiche andere, positive Beispiele zu berichten, doch in vielen Fällen würde es unsere Gemeinden attraktiver machen, wenn wir uns dort eingehender mit der Frage auseinandersetzten, wie gastfreundlich wir als Kirche auf potentielle neue Mitglieder (und auch auf die altbekannten!) wirken, ob wir als Kirche tatsächlich ein ›gastliches‹ Haus sind. Ideen dafür, wie eine gastliche Kirche aussehen könnte, finden wir in der kirchlichen Tradition. Gastfreundschaft, über alle sozialen Schranken hinweg, für Mitchristen wie für Fremde, ist bereits an den Anfängen der Kirche ein Alleinstellungsmerkmal der christlichen Gemeinschaft, wie Markus Lau bei seiner Spurensuche im lukanischen Doppelwerk zutage fördert. Auch Benedikt von Nursia erhebt die Gastfreundschaft zu einer der obersten Regeln für seine Ordensgemeinschaft, wie uns P. Valentin Ziegler und Martin Glaab näherbringen. Und: Er durchdringt sie spirituell wenn er verdeutlicht, dass es Christus selbst ist, der uns im Gast begegnet. Gastfreundlich aufgenommen kann man sich jedoch nur da fühlen, wo auch ein Gastgeber vor Ort ist. Auf die Signifikanz des personalen Angebots für eine gastfreundliche Kirche weist Johann Pock in seinem Leitartikel hin. Und er erkennt die säkulare Gasthausszene als Lernort für ein gastliches Kirchesein. Eine Pastoraltheologie, die konsequent vom Einzelnen her denkt und sich ihm, indem sie seine Realität aus seiner Perspektive heraus betrachtet, aussetzt, ist auch die Vision von Birgit Hoyer. Plastisch wird diese Haltung der Zuwendung zum Gast in den Berichten von Beate Meixner-Müller und Birgit Hoyer aus dem Mahlwerk in Bamberg und von Franziska Loretan-Saladin über ein von Theologen geführtes Gasthaus in den Schweizer Alpen. Dass es bereits heute schon in unserer Kirche gelungene Beispiele eines Aufbrechens hin zu einem gastfreundlicheren Kirchesein gibt, zeigen uns die drei international versammelten Best Practice-Berichte aus Recklinghausen, Basel und Wien. Die Freiheit, noch viele solcher Ideen für ein gastlicheres Kirchesein zu entwickeln, die, wie es Annette Schavan in ihrer Kolumne beschreibt, dann entstehen kann, wenn man aufhört, nur um sich selbst zu kreisen, wünsche ich mir und Ihnen in diesem neuen Jahr!

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