Impulse aus dem Gotteslob zum Beten mit Kindern in Gemeinden und deren Kitas„Lieber Gott, mach mich fromm …“?

„… dass ich in den Himmel komm“ – dieses Verständnis von Kindergebeten, in dem sich der Mensch unter ständiger Beobachtung die Geborgenheit in Gott im Leben und im Tod erst durch Frömmigkeit und tadelloses Verhalten verdienen muss, ist glücklicherweise nicht mehr aktuell. Das neue Gotteslob enthält viele Gebete und Reflexionen über das Beten, die für Kinder einen zeitund kindgemäßen Zugang ermöglichen.

Auch wenn es in manchen Veröffentlichungen immer wieder eine Renaissance der angeblich guten alten Kindergebete gibt (meist mit Illustrationen im Stil der 60er Jahre), suchen Erwachsene heute doch andere Wege, um mit Kindern zu beten. Das neue Gottes lob (kann man noch neu sagen, wenn es schon seit fast vier Jahren in Gebrauch ist?) setzt immer wieder bei dieser Suche an. Auch wenn es natürlich tatsächlich gute alte Gebete gibt, die zu Recht Klassiker sind und die Generationen miteinander verbinden, wie Matthias Claudius᾽ „Der Mond ist aufgegangen“ oder Wilhelm Heys „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“, die dann auch beide ins neue Gotteslob aufgenommen wurden (GL 93 und GL 712). Sie enthalten nämlich etwas von dem, was Beten ausmacht: Menschen bringen ihr Leben vor Gott – Kinder genauso wie Erwachsene. Aber Beten geht nicht einfach von allein. Jede neue Generation ist darauf angewiesen, dass ihr andere erschließen und vorleben, wie das geht, sein Leben vor Gott zu bringen. Die ersten Schritte dazu finden meist mit den engsten Bezugspersonen statt. In der Familie mit den Eltern, Geschwistern, Großeltern und Paten. Immer mehr Erwachsene stellen allerdings fest, dass sie kaum auf eigene tragfähige Gebetserfahrungen zurückgreifen können, wenn sie mit ihren Kindern beten möchten. Und wenn die Heranwachsenden von sich aus nach Gott fragen, dann stellen diese Eltern fest, dass sie selbst noch keinen Weg gefunden haben, wie sie von und zu Gott sprechen können. Viele hoffen dann, dass ihre Kinder doch wenigstens in der Gemeinde eine gute Gebetspraxis erleben können: in Kindergärten und Kitas in kirchlicher Trägerschaft, in Kinderund Familiengottesdiensten, im sonntäglichen Gemeindegottesdienst oder in der Vorbereitung auf die Erstkommunion.
Die Suche nach Gott ins Gebet nehmen
Für das Beten mit Kindern in der Gemeinde öffnet das Gotteslob einige Türen, denn hier wird etwas von der Entwicklung der letzten 30 Jahre aufgenommen: Es wird kein Glaubenswissen und auch kein Wissen zu religiöser Praxis vorausgesetzt. Vielmehr werden auch die Grundgebete des Christentums und ihr Ablauf zunächst mal gut erklärt. Und dann wird die Suchbewegung von Menschen aufgenommen, auch von Kindern, etwa wenn die 13-jährige Lara betet:
„Gott, wo kann ich dich eigentlich finden? Kannst du mir nicht mal antworten, wenn ich dir eine Frage stelle? Oder muss ich einfach nach dir suchen? Aber wo dann? Bist du eigentlich ein Mann oder eine Frau? Und wie alt bist du? Ich werde auf deine Antwort warten!“ (GL 15,4). Hier wird ernst genommen, dass Heranwachsende durchaus ein Gespür für die Transzendenz, die Unverfügbarkeit Gottes haben, dass sie fragen, wie Gott ist, dass sie nach einer Antwort verlangen und auch, dass sie bereit sind, darauf zu warten.
Das Gotteslob mit seinen Einführungen in die unterschiedlichen Gebetsformen (Gebete, Andachten, Segensfeiern, Litaneien und Lieder) eignet sich sehr gut, um Kinder mit dem Gebet vertraut zu machen. Für Hauptund Ehrenamtliche in der Pastoral und auch für Erzieherinnen und Erzieher ist das Gotteslob eine inspirierende Quelle für die religiöse Bildung und Erziehung. Es lohnt sich, reinzuschauen, zu suchen und zu finden, was da für Kinder geeignet ist, auch wenn nicht ein extra Schild „für Kinder“ drauf ist. Das Gotteslob enthält im ganzen Buch verteilt eine moderne Gebetsschule, die zeigt, dass Gebete ein wesentlicher Teil der religiösen Praxis des Christentums sind und dass sie dazu beitragen, die Beziehung zu Gott aufzubauen und zu erhalten – ganz persönlich und auch gemeinschaftlich.
Beten ist keine pädagogische Maßnahme
Aber ein Gebet ist keine pädagogische Maßnahme und keine religionspädagogische Methode. Beten drückt aus, dass Gott der Grund für Vertrauen und Geborgenheit ist. Im Gebet wendet sich der Mensch an Gott, spricht zu ihm, dankt, lobt, klagt an oder bittet. So wächst die persönliche Beziehung zu Gott. Gebete helfen auch, im Glauben sprachfähig zu werden. Das ist ein wichtiger Aspekt in der Entwicklung von Kindern. Damit sie im Glauben wachsen und zu einem reflektierten Glauben finden können, müssen sie über religiöse Fragen sprechen können. Vielen Kindern (und auch Erwachsenen) fehlt dazu heute schlichtweg das Vokabular. Christliche Gebete können helfen, zur Sprache zu bringen, was Kinder denken und fühlen, und stellen es in einen religiösen Deutungszusammenhang. Gebete sind Möglichkeiten, um Freude und Trauer auszudrücken, ebenso Wünsche und Hoffnungen, und sie Gott anzuvertrauen. Das Grundvertrauen ins Leben hat hier seinen Adressaten. Viele der Gebete im Gotteslob, ganz gleich ob sie eigens für Kinder oder eigentlich für Erwachsene gedacht sind, bringen immer wieder eine wesentliche christliche Zusage ins Wort: „Noch bevor wir dich suchen, bist du bei uns. Bevor wir deinen Namen kennen, bist du schon unser Gott. Öffne unser Herz für das Geheimnis, in das wir aufgenommen sind: dass du uns zuerst geliebt hast und dass wir glücklich sein dürfen mit dir“ (GL 6,1). Solche Zusagen im Gebet stehen zwar nicht unter der Rubrik Kindergebete, sprechen aber Menschen aller Generationen an.
Überlieferte Gebete
Vorformulierte Gebete sind für Menschen schon immer eine große Hilfe gewesen. Wenn vor Freude oder vor Trauer und Verzweiflung die Worte fehlen, dann ist es gut, auf verinnerlichte Gebete zurückgreifen zu können und sie auswendig zu kennen. Dazu gehören die Grundgebete der Kirche, die natürlich im Gotteslob enthalten sind, wie das Kreuzzeichen und das Vaterunser. In der Einführung zum Gebet heißt es dazu: „Wir können auch mit leerem Herzen vor Gott verharren. Wir müssen nicht viele Worte machen. Bisweilen werden wir still bleiben.“ Beten ist eben auch ein Geschenk. „Ein solches Geschenk ist das Vaterunser, das Jesus uns gelehrt hat. Die großen Gebete der christlichen Traditionen bringen unsere Anliegen oft besser zur Sprache, als wir es selbst vermögen. Wir sind in ihnen aufgehoben, finden Raum und Halt“ (GL 2,2). Zu den überlieferten Gebeten gehören auch die Psalmen, die für Kinder auch schon in der Sprache der Einheitsübersetzung zu Herzen gehen, wie die Psalmen 23 (GL 37,2) oder 139 (GL 657,2) und weitere bekannte Gebete, die in kindgemäßer Sprache Vertrauen formulieren können. Für jüngere Kinder bieten sich Reimgebete an, im Gotteslob als Morgen-, Abendund Schutzengelgebete aufgenommen wie beispielsweise „Guten Morgen, lieber Gott, gib uns heute unser Brot, lass uns lachen und nicht weinen, lass deine Sonne scheinen, bis in unser Herz hinein. Lass uns immer bei dir sein“ (GL 14,2). Für ältere Kinder können Gebete wie der als Lied „Laudato si“ so beliebte Sonnengesang des Franz von Assisi (GL 19,2) oder auch das Gebet über das Öffnen der Augen, Ohren und des Herzens (GL 19,3) sehr ansprechend sein. Auch viele Psalmen sind für Kinder gut geeignet, da sie ganz direkt menschliche Erfahrungen zur Sprache bringen. Diese Gebete sind Dokumente „einer langen Glaubensund Gebetsgeschichte. Generationen von Menschen haben Freude und Leid, Kampf für Gerechtigkeit und Widerstand gegen Unterdrückung, Erleben festlicher Gemeinschaft und geschwisterliches Ertragen von Unglück, von Klage und Lobpreis, in Bitte und Dank vor Gott getragen. So vielschichtig wie das Leben ist, so vielgestaltig sind die Formen und sprachlichen Bilder der Psalmen“ (GL 30). Gerade Heranachsende lassen sich von diesen Bildern ansprechen, die eine Haltung zeigen, „die die Veränderung der Welt will, doch Gott das letzte Wort lässt“ (GL 30). Zudem erweitern diese Gebete das Gottesbild von Kindern. Es ist wichtig, dass sie nicht immer nur vom „lieben Gott“ hören, sondern die breitere Palette der (biblischen) Gottesanreden, wie sie in diesen überlieferten Gebeten vorkommen, kennenlernen und beim Beten verwenden:
„Guter Gott“, „treuer Gott“, „Vater unser“, „barmherziger Gott“ oder „tröstender Gott“ oder auch die weiteren bildhaften Umschreibungen als Hirte, als der, der die Welt geschaffen hat, der die Welt und jedes Leben hält, der wie ein Vater und wie eine Mutter liebt.
Selbst formulieren
Das Gotteslob ermutigt auch dazu, Kindern zuzutrauen, „ihre Erlebnisse, ihren Dank und ihre Bitten in freien Worten vor Gott zu bringen“ (GL 14,1). Ihnen das zu ermöglichen, ist eine besondere Chance bei der Feier von Kinderund Familiengottesdiensten, in der Vorbereitung auf die Erstkommunion und auch schon in Kindergärten. Denn schon ganz früh nehmen Kinder das Leben nicht als Selbstverständlichkeit wahr, sondern als Geschenk. Diese Haltung des Staunens und Dankens können sie im Gebet formulieren. Dabei entwickeln Kinder kreative Formen, kommen auf überraschende Gedanken. Sie erleben im Gebet, dass es eine Perspektive auf das Leben und die Welt gibt, die nicht nur beschreibt, was ist, sondern auch nach dem Woher und Wohin fragt. „Guter Gott, heute bin ich in Pfützen gesprungen. Es hat so schön gespritzt. Ich habe eine tote Schnecke gesehen. Ist sie jetzt bei dir? Kannst du ihr im Himmel ein neues Haus machen? Danke für den Regen, der die Pfützen macht. Amen.“ Hier hat ein sechsjähriges Kind in einem Kindergottesdienst formuliert, dass die christliche Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod die ganze Schöpfung betrifft, eben auch die Tiere. Das Kind dankt für den Regen und stellt damit fest, dass es sein Lebensumfeld Größerem verdankt. Dieses Größere nennt das Kind Gott, ihm vertraut es seine Erlebnisse, seinen Dank und seine Bitte an. Kinder erleben in selbstformulierten Gebeten, dass sie ihre eigene Perspektive auf das Leben und die Welt einbringen können. Diese Erfahrungen stärken das Kind, und seine Resilienz – also seine Fähigkeit, in Krisensituationen konfliktbewältigend reagieren zu können – wächst. Daher sollten gerade in Kinderund Familiengottesdiensten oder in der Erstkommunionvorbereitung die Kinder immer wieder auch die Möglichkeit erhalten, tatsächlich von ihnen selbst (und nicht von dem Vorbereitungsteam der Erwachsenen) formulierte Gebete vorzulesen bzw. spontan im Gottesdienst zu formulieren. Natürlich braucht das Kind Erwachsene, die es mit den christlichen Bildern und Hoffnungen vertraut machen und es mit dem christlichen Gott, der in Freude, Traurigkeit und Leid jedes Leben trägt, bekannt machen. Und dabei helfen wiederum die vorformulierten überlieferten Gebete.
Gewissensspiegel
Bemerkenswert sind auch die
„Hilfen zur Gewissenserforschung für Kinder“ (GL 598), die auch, aber nicht nur in der Kommunionkatechese hilfreich sind. Sie enthalten – meist fern von Moralisierung – für Kinder im Schulalter wertvolle Impulse, um über ihr Verhalten nachzudenken. In der Einführung heißt es: Jesus „hat uns gezeigt, wie wir als frohe Menschen leben können. Aber wir spüren, dass es uns nicht immer gelingt, gut zu sein. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns von Zeit zu Zeit auf unser Leben und Verhalten besinnen.“ Es geht darum, Kinder und deren Verantwortung für ihr eigenes Tun ernst zu nehmen. Sie haben in der Regel ein gutes Gespür für das, was im Leben gelingt, und wo sie zurückgeblieben sind hinter dem, was sie selbst für richtig halten. Sehr einfühlsam wird formuliert: „Gott, ich komme zu dir. Denn ich weiß: Du schaust mit Liebe auf mich“ oder „Du kennst mich genau. Vor dir kann ich ehrlich sein. Dir kann ich alles sagen“ (GL 598,2). Bei der anschließenden Gewissenserforschung geht es nicht um das Abhaken von Sündenregistern, sondern darum, dass Kinder Verfehlungen und Unterlassungen in ihrem Alltag erkennen, sie vor Gott bringen und von der Last befreit werden können.
„Ich darf wieder neu anfangen“, heißt es abschließend im Dankgebet (GL 598,6).
„Geborgen in dir, Gott, frage ich staunend, wer ich wohl bin“
Auch in den Diözesanteilen finden sich eigene Abschnitte für das Gebet für und mit Kindern sowie Lieder, die kindgemäß von Staunen, Klage, Dank und Lob singen. So enthalten einige Eigenteile das Lied „Geborgen in dir, Gott“ (z. B. die Diözesen Freiburg und Rottenburg-Stuttgart GL 839 oder Aachen GL 786). Es ist über viele Kinderund Familiengottesdienste oder Erstkommunionkatechesen bekannt geworden. Die Autoren Eckart Bücken und Raymund Weber nehmen die Fragen (nicht nur) von Heranwachsenden ernst: „Gerufen von dir, Gott, horche ich hin, frage ich staunend, wer ich wohl bin.“ Am Beginn stehen das Staunen und das Hinhorchen. Wenn wir unser Leben nicht als selbstverständlich nehmen, sondern es als Geschenk wahrnehmen, dann können wir es auch vor Gott stellen. Und so nehmen die Autoren die Fragen in hoffnungsvolle Zusagen des Christentums auf: „Geborgen von dir, Gott, atme ich ein …“, „Gerufen von dir, Gott, bin ich genannt bei meinem Namen in deiner Hand.“ Niemand ist ein Zufallsprodukt, jeder ist als Person bei seinem Namen gerufen und von Gott getragen. Das ist besonders für Kinder eine starke Zusage, die für die Persönlichkeitsentwicklung von Heranwachsenden von großem Wert ist. „Gehalten von dir, Gott, wache ich auf, wage ich tastend den Tageslauf. Gehalten von dir, Gott, stehe ich fest, gehe und lebe, weil du mich lässt. Gehalten in dir, Gott, schlafe ich ein an jedem Abend, denn ich bin dein“ – ein Lied wie eine Zusammenfassung des christlichen Glaubens als gesungenes Gebet.

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